Vietnam

Von Reisterrassen, Bergvölkern und Folgen des Tourismus

4. Februar 2015

9 Stunden lang dauerte die (Nacht-)Fahrt von Hanoi nach Sa Pa, eine im Norden gelegene Bergregion, in welcher wir 2 Tage trekken wollten. Hier wohnen noch verschiedenste ethnische Bergvölker, die atemberaubend viele Reisterrassen kultivieren, welche Sa Pa so besonders machen.

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Es war noch stockfinster, als wir gegen halb 7 Uhr morgens in Sa Pa ankamen. Hier oben in den Bergen herrschte ein ganz anderes Klima als in Hanoi, kurz gesagt: Wir froren gewaltig! Nach einem kleinen Frühstück bestehend aus einem komisch, gelben Pfannkuchen und einer heißen Dusche in einem der vielen Hotels trafen wir unseren Guide und den Rest unserer kleinen Gruppe: Eine Australierin, ein Österreicher und ein Ire. Mit unseren extra für den noch bevorstehenden Trek in Nepal gekauften Wanderschuhen, langärmligen Fleecepullis und Jacken bewaffnet ging es raus aus dem kleinen Städtchen. Sogleich bot sich uns eine gigantische Aussicht auf das mit Reisfeldern bebaute Tal unter uns. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass Sa Pa selbst so hoch liegt! Unser Weg wurde schnell von geteerter Straße zum Trampelpfad. Es dauerte nicht lange und wir wurden von 3 einheimischen, in traditionellen Gewändern gekleideten Frauen begleitet. Sie schienen freundlich und fragten uns nach Namen, Herkunft und Co. Sobald der Pfad rutschig oder steil wurde wollten sie uns helfen und boten uns eine Hand an.Ich hatte zuvor im Intenet viel darüber gelesen, dass hier Einheimische die Touristen begleiten und ihnen beim Trekken Gesellschaft leisten, nur um am Ende für Nichts und wieder Nichts Geld zu verlangen. Ich lehnte also immer freundlich ab.

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Es ging mitten durch die Reisterassen hindurch, dann ins Tal hinunter, durch einige kleine Bambuswälder wieder in die Höhe. Da auch hier in Vietnam nun der Winter herrscht, waren die Terrassen keineswegs leuchtend grün, wie auf allen Bildern, sondern mit Wasser gefüllt und bräunlich. Auch die Sicht war zu Beginn des Tages nicht klar; der Nebel hing dicht in den Bergen. Das mag alles nicht so wunderbar klingen, doch mir gefiel diese mystische Stimmung sehr.

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Am ersten Tag trekkten wir lockere 15 Km. Auf Grund der wunderbaren Aussicht und den schlammigen Pfaden dauerte es aber, bis wir in dem Dörfchen ankamen, wo wir zu Mittag essen sollten. Schon einige Kilometer zuvor traf man auf andere Trekkinggrüppchen. Im Dorf selbst wurden wir in ein großes Restaurant geführt, wo alle Touristen zu Mittag aßen. Kaum hatten wir an einem der groben Holztische platz genommen, wurden wir von einer Horde Einheimischer Frauen umzingelt. Alle Frauen tragen ihre traditionelle Kleidung und haben einen Bastkorb auf dem Rücken, aus dem sie bunte Täschchen, Schals, Stoffe, Silberschmuck, Armbänder und andere Dinge hervorholen und jedem Touristen unter die Nase halten. Wir versuchten es mit einem „ Nein danke“ und „wir sehen uns die Sachen vielleicht nach dem Essen an“, doch diese Worte schienen sie nicht zu kennen. Wenn man den Kopf schüttelte oder ein eindeutiges Handzeichen gab, holten sie einfach eine neue Tasche hervor und riefen „Buy from me!Buy from me!“. Irgendwann schien der einzige Ausweg Ignorieren zu sein, worauf hin sie aber noch hartnäckiger wurden. Als sie irgendwann merkten, dass aus uns wirklich kein Geld herauszuholen war, fluchten sie, beschimpften uns auf ihrer Sprache und befielen eine neu eintreffende, noch ahnungslose Trekkinggruppe.

Während dem Mittagessen – Springrolls, Reis, Gemüse und Hähnchen – hatten wir unsere Ruhe. Wir beobachteten die Frauen und die genervten, unsicher dreinschauenden Ausländer. Es ist schon erstaunlich, was der Tourismus in solch armen, ländlichen Gebieten bewirkt: Die Einheimischen zwingen sich in traditionelle Trachten, die sie normalerweise nur an Festtagen tragen. Kleinkinder versuchen geknüpfte Armbänder zu verkaufen, obwohl sie noch nicht einmal richtig sprechen können, geschweige denn Englisch. Die Bergbewohner leben selbst in Armut, müssen aber mitansehen, wie tagtäglich Touristen in Wanderausrüstung, mit fetten Kameras in der Hand durch ihre Heimat laufen und ganz begeistert Fotos von ihnen machen. Gleichzeitig würden Touristen vielleicht gerne etwas kaufen, doch sobald man auch nur das kleinste Interesse zeigt hat man 20 Verkäuferinnen an der Backe, die alle wild durcheinander schreien und nicht mehr gehen bis etwas gekauft wurde. Selbst wenn jemand etwas von einer Verkäuferin kauft, kommen die Anderen angestürmt und fragen, warum man nicht von ihnen gekauft hätte. Am Ende sind die Verkäuferinnen sauer und enttäuscht, die Besucher genervt.

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Nach dem Essen ging es weiter und wir mussten durch den Rest des Dorfes. Hier waren kaum Menschen – alle waren ja drüben beim Restaurant um ihre Sachen loszuwerden. Wir konnten eine alte Dame beim nähen vor ihrer Haustüre beobachten und den Kindern beim Spielen mit Kreiseln zusehen. Hier schien die Welt wieder in Ordnung zu sein.

Unser Homestay war 5 Kilometer weiter im Nachbardorf. Homestay kann hier viel bedeuten, auf dem Weg kamen wir an einem Hotel vorbei, welches an eine Skihütte erinnerte und ein Schild mit der Aufschrift „Homestay“ trug. Glücklicherweise nächtigten wir aber in einem echten Homestay, bei einer Vietnamesischen Familie. Zu Abend gegessen wurde auf einer Plane auf dem Boden – wieder Springrolls, Reis und Hühnchen – diesmal aber noch (viel zu starken) Reiswein dazu. Unsere Gruppe stellte sich als äußerst reisefreudig heraus und jeder hatte etwas zu erzählen. Als dann die Temperaturen wieder in den Keller gingen, flüchteten wir in die Bamboo Bar, die einzige im Dorf logischerweise, wo es Tee und heiße Schokolade zu einigen Runden UNO gab.

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Am nächsten Morgen ging es noch 6 Km weiter, dann wurden wir von einem Van zurück nach Sa Pa gefahren. Von mir aus hätte es noch gut und gerne einige Tage weiter trekken gehen können. Insgesamt war der Trek doch eher ein ausgedehnter Spaziergang, obwohl wir die „Hard-Trekking-Tour“ organisiert hatten. Die Wege waren teilweise anspruchsvoll, aber anstrengend war das Ganze nur sehr bedingt. Trotzdem war Sa Pa bisher mein Highlight in Vietnam – weit vor Halong Bay – da man permanent eine atemberaubende Landschaft vor sich hatte und kaum glauben konnte, dass alle diese Reisterassen einmal bei Hand gebaut worden sein müssen!

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Am Sonntag ging es nach Bac Ha, wo einmal in der Woche ein riesiger Markt stattfindet. Alle Völker kommen einen weiten Weg hier hin gelaufen um ihre Ware zu verkaufen: Lebensmittel, Rinder, Hühner, traditionelle Kleidung und ganz viel Touristen-Schnickschnack. Der Markt bot viele schöne Fotomotive, da auch hier fast Jeder in bunten Gewändern herumgelaufen ist. Man konnte den Hmong-Mädchen beim Aussuchen der nächsten Tracht beobachten, die älteren Männer saßen am Straßenrand und rauchten aus ihren Bambusrohren. Chris hat es zum Schluss dann doch noch gewagt sich von einem der vielen Straßen-Friseure die Haare schneiden zu lassen.

Leider muss ich sagen, dass ich leicht enttäuscht war, von dem Angebot der Handarbeiten. Während hier alles knallbunt und fast schon neonfarben ist, verkaufen abends die Frauen am Straßenrand in Sa Pa mehr in traditionellen, dunkelblauen und -grünen Farben, welche mir persönlich viel besser gefallen.

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