Indien

Von Sadhus, Chillums und Chai

7. Mai 2015

Fahre niemals in Indien auf einem Motorrad mit. Vor allem nicht, wenn du – und der Fahrer – zuvor einen Sadhu besucht haben!


Schon bevor wir auf den kleinen Sitzkissen Platz genommen hatten, waren wir ins erste Fettnäpfchen getreten. “ You always greet a Sadhu with the words Ram Ram!“, flüstert uns Shakti zu, während er zur Demonstration seine Hände vor der Brust zusammenlegt.

Etwas unbeholfen sehen wir uns um: Wir sitzen in einer offenen Ecke eines kleinen Shiva-Tempels am Rande der Stadt Jaipur. Eine Feuerstelle und einige Töpfe sind zu sehen, sowie die Eingangstüre zu einem kleinen, fensterlosen Raum. Der Boden ist gefegt und einigermaßen sauber – Schuhe sind ja auch tabu hier. Es ist inzwischen stockdunkel und ausnahmsweise einmal still. Kein Gehupe, keine Musik, meine Muezzins. Nur eine Glübirne hängt von der Decke.

Der alte Mann hockt an der Feuerstelle und kocht Chai. Er ist weder ausgesprochen groß noch klein, dafür aber ziemlich mager. Seine Haare sind schulterlang und verstrubbelt. Die für Sadhus typische Bemalung aus Asche ziert seine Stirn. Sein rotes, leichtes, ärmelloses Hemd ist weit aufgeknöpft; um seine Hüfte ist ein orangefarbener Wickelrock gewickelt. Orange gilt als Hauptfarbe der hinduistischen Götter. Auch Schmuck trägt er: Einen Silberarmreif, Ringe, einige Ketten. Er rührt stumm den Tee um.

Navneet, in dessen WG wir über Couchsurfing eine Unterkunft organisiert hatten, und sein Kumpel Shakti haben uns hierher gebracht. Sie scheinen den Sadhu gut zu kennen und ihn öfters zu besuchen. Sadhus – das sind die Heiligen in Indien. Sie leben ein asketisches Leben und verzichten auf Besitz, um so zur Erleuchtung zu gelangen und aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt auszubrechen. Viele befinden sich konstant auf Wanderschaft, sie haben keinen festen Schlafplatz, keinen Beruf und lehnen Bindungen zu anderen Menschen ab. Sadhus sind auf die Spenden der Bevölkerung angewiesen; man sieht sie täglich auf den Straßen, wo sie mit einer kleinen Schüssel in der Hand um Spenden in Form von Nahrung bitten. Da sie als Heilige gelten, bleibt die Schüssel kaum leer.

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Wenige Minuten zuvor wollte der Sadhu uns eine religiöse Serie zeigen, die gerade im Fernsehen lief. Ja, manche Sadhus haben wohl sogar eine Fernseher gespendet bekommen. Wir nahmen in seinem Raum auf dem Boden Platz. Hier gibt es nur ein Bett, einen Fernseher, eine Kiste und einige Bilder verschiedener hinduistischer Gottheiten an der Wand. Sein langer Wanderstock lehnte in der Ecke. Er kramte seine Brille hervor und wir wendeten uns dem Bildschirm zu. In der Serie geht es um Hanuman, den Affengott, sowie andere Götter. Sie werden von menschlichen Schauspielern gespielt und das Ganze wird von religiösem Gesang und seltsamen Animationen untermalt. Die Sendung erinnert an einen Kinderfilm. Währenddessen unterhielten sich der Sadhu und Navneet wie Freunde. Auch mit uns versuchte er zu sprechen und wo seine wenigen Englischkenntnisse nicht ausreichten halfen die Anderen als Übersetzer. Er war freundlich und lachte viel. Langsam entspannen wir uns.

Plötzlich stand ein Inder in der Türe und reichte dem Sadhu ein Päckchen – Marihuana. Nur Sadhus ist es hier in Indien gestattet dies zu konsumieren, es zählt als Hilfe zur Meditation. Der Heilige griff unter sein Bett und zauberte eine kleine Schachtel hervor. Darin bewart er alle seine Chillums auf. Chillums sind kleine Rohre aus Ton, Holz oder Keramik, die dem Rauchen dienen. Nebenher zerkleinert er die getrocknete Pflanze und stopft eines der Chillums. Wir nehmen alle vor seinem Schlafraum, neben der Feuerstelle Platz, im Kreis. Wir fragen, ob wir Fotos machen dürfen, da wir unbedingt einen Sadhu mit seinem Chillum fotografieren wollten. Er willigte ein. Der hinzugestoßene Inder zündet ein Streichholz an und der Sadhu entzündet das Chillum. Er nimmt einige tiefe Züge und schaut direkt in die Kamera. Dann reicht er das Chillum weiter, nur das Filtertuch behält er, denn dieses teilt er nicht. Normalerweise darf ein normaler Hindu einen Sadhu nicht berühren, doch er scheint das beim Weiterreichen nicht ganz so ernst zu nehmen.

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Wir zeigen ihm die Fotos und er ist begeistert. Da er nicht in seinem alltäglichen Kostüm ist, setzt er die Brille ab und einen orangenen Turban auf. „Ein tolles Foto“, meint Navneet. „Sadhus zeigen sich normalerweise nicht mit Brille. Das Foto ist also besonders!“. Nachdem das Chillum eine Runde gewandert ist, beginnt der Heilige erneut das Kraut zu zerkleinern. Er möchte noch ein Foto, diesmal aber ohne Brille, Wir können es gar nicht glauben: Was für eine ideale Chance! Nach mehreren Zügen und einigen gelungenen Fotos geht es für das Chillum in die nächste Runde. Der Sadhu hockt sich ans Feuer und beginnt Wasser aufzusetzen. Sein Handy – ein altes Modell – klingelt. Währenddessen beantworten Navneet und Shakti unsere vielen Fragen zu Sadhus und zum Hinduismus. Es gibt noch immer so viele Aspekte dieser Religion, die wir nicht verstehen oder nachvollziehen können.

Als wir alle ein Tässchen leckeren Chai in den Händen halten, hat der Sadhu sein Chillum insgesamt 5 Mal neu befüllt. Wir genießen die Stimmung, schlürfen den Tee und hören seinen Geschichten zu. Er erzählt uns, dass er jedes Jahr einmal zum Ursprung des Ganges pilgert und zurück, um etwas des heiligen Wassers nach Hause zu nehmen. 1300 Kilometer. Auf dem Rückweg darf er das Gefäß mit dem Ganges-Wasser niemals auf den Boden stellen, ansonsten gilt es nicht mehr als rein. Jedes Jahr pilgern unzählige Heilige zum Gletscher, aus dem der heilige Fluss entspringt – oft in Sandalen und in ihren dünnen Kleidungsstücken.

Er begleitet uns aus dem Tempel heraus, wartet, bis wir in unsere Schuhe geschlüpft sind. Er bedankt sich bei uns für den Besuch. „Ram Ram“ verabschieden wir uns glücklich, die Hände zusammengefaltet. Er lächelt.

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1 Kommentar

  • Reply Nicola 2. Juni 2015 at 19:47

    Erstens: Tolle Geschichte (sie gehört zu meinen liebsten!). Zweitens: Grandiose Bilder! Danke für diesen Bericht, ihr beiden. Und gute Reise natürlich!

  • Kommentieren? Sehr gerne!

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