Indien

Indien uncut / Zugfahrten

23. Mai 2015

Wer länger in Indien reist kommt um das Zugfahren kaum herum. Die langen, blauen Züge, die Schlafabteile, die Verkäufer – man gewöhnt sich schnell daran. Zugfahren ist eine wunderbare Gelegenheit Indien und seine Menschen so kennenzulernen wie sie eben sind – auch wenn es gelegentlich ganz schön unangenehm werden kann. 6 Zugfahrten mit 6 ganz verschiedenen Gefühlen.

Szene 1

Varanasi – Agra / Sleeper Class / 11h Nachtfahrt

Entsetzt wende ich meinen Blick ab. Es gibt Dinge, die man einfach nicht genauer gesehen haben sollte. 6 Uhr morgens – Ich sitze an der offenen Zugtüre auf meinem Rucksack und der Zug fährt gerade in Agra ein. Eine lange, fast schlaflose Nacht liegt hinter mir, ich freue mich auf eine kalte Dusche. Soeben habe ich gedankenverloren die verfallene Rückseite der Häuser betrachtet, an denen wir vorbeirattern, da kam er in mein Blickfeld. Einfach so, ohne Vorwarnung. Ein dünner Inder, verstrubbelte Haare, oberkörperfrei. Er hockte nur einige Meter von den Gleisen entfernt da, ganz in Ruhe, betrachtete den Zug. Bevor ich überhaupt begriffen hatte, von was genau ich unschuldige Zeugin geworden war, kam schon der nächste Hockende Inder in Sicht. Er hat das Kinn auf eine Hand abgestützt. Ich kann es nicht fassen! Da hocken sie reihenweise, nur wenige Meter voneinander entfernt, mitten im Müll und Dreck, mit einer ganz unschuldigen Miene. Vor Jedem steht eine Wasserflasche oder ein Schüsselchen – Klopapier kennt man hier ja nicht. Voller Ekel starre ich auf meine Füße, hauptsache nicht hinaus. Wo bin ich hier nur gelandet?

„Wieso wird das stillschweigend geduldet? Wieso zeigen die anderen Zugfahrenden keinerlei Reaktion?“

Ich erinnere mich zurück an unseren ersten Tag in Indien. Kalkutta, Busbahnhof. Die Männer, die massenweise an die nächstgelegene Wand pinkelten, ohne jeglichen Scham, ohne Diskretion. Ich musste mit ansehen wie der Urin in kleinen Rinnsalen auf die Straße floß und sich mit Müll und undefinierbaren Pfützen mischte. Einen Meter weiter saß eine Frau auf einer Decke und verkaufte Gemüse. Barfuß. Ich weiß noch wie es mir den Magen umdrehte, bei dem Gestank.

Die Reihe an hockenden Einheimischen will kein Ende nehmen. Ich verstehe es einfach nicht. Wie können Menschen nur ein so animalisches Verhalten zu Tage legen und so schamlos sein? Wieso wird das stillschweigend geduldet? Wieso zeigen die anderen Zugfahrenden keinerlei Reaktion? Der Dreck! Der Gestank! Wie kann das denn niemanden hier stören? Es reicht ja schon der viele Müll, die Plastiktüten, die offene Kanalisation, die Kuhfladen. Die Achtlosigkeit und Selbstverständlichkeit mit der der Plastikmüll aus dem Zugfenster geworfen wird. Die Müllhalden, Essensreste, Ratten, Fliegen und verseuchten Flüsse. Doch diese hockenden Männer sind die Spitze des Eisberges. Eine Gesellschaft in der so ein Anblick keinerlei Reaktion bewirkt, was ist das nur für eine Gesellschaft? Ich sitze da und ekel mich. Vor den Indern. Vor ihren Händen. Vor dem Boden. Vor dem allgemeinen Zustand. Vor der Ignoranz und Schamlosigkeit. Ich möchte nicht in einigen Minuten aussteigen und über den verdreckten Bahnhofsboden laufen. Ich möchte nicht mehr hier in Indien sein. Mir reichts!

Szene 2

Mathura – Delhi / AC Chair Class / 4h Fahrt

Ich beobachte den kleinen Jungen am Boden schon eine ganze Weile. Er fegt eifrig den Zugboden, ungefähr 6 Sitzreihen von mir entfernt. Ein zerrissenes, gelbes Shirt mit einem unkenntlichen Druck auf der Vorderseite kann seinen viel zu dünnen Körper nicht kaschieren. Er kniet am Boden. Nur noch 3 Sitzreihen zwischen uns. Nur noch eine. Ich schlucke. „Madame, pleeease, give me money!“. Seine dunklen Kulleraugen schauen zu mir hoch. Seine ausgestreckte Hand stößt fordernd gegen mein Knie. Er ist vielleicht 7 Jahre alt. Seine Haare zerzaust und grau vor Schmutz. Er ist barfuß. „Pleeeease, madame…“. Ich bin hin und her gerissen. Innerlich. Äußerlich bleibe ich hart, das hat sich hier in Indien allgemein als beste Methode erwiesen um in Ruhe gelassen zu werden. Was sind schon ein paar Rupies für mich? Und was sind sie für ihn! Ich weiß, ich sollte ihm ein paar Münzen in die Hand drücken. Münzen, die ansonsten für eine Packung Kekse oder eine Cola draufgehen werden. Gleichzeitig erinnere ich mich an den Film „Slumdog Millionaire“. Ich suche Ausreden, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich schüttle langsam den Kopf. Mein Lächeln dabei fühlt sich ekelhaft an. Der Junge wendet sich dem mir gegenüber sitzenden Inder zu. Er schaut kurz von seinem Handy auf, fischt sein Portemonnaie aus der Tasche und gibt dem Jungen ganz selbstverständlich eine Münze. So etwas habe ich schon zigmal beobachtet. Es erstaunt mich, wie viele Einheimische den Straßenkindern und blinden Bettlern etwas Geld geben. Ich komme mir gemein vor, als der Junge lächelt und eine Sitzreihe weiter den Boden zu putzen beginnt. Sollte nicht gerade ich als “ reiche“ Touristin spendenfreudig sein?

„Ich weiß, ich sollte ihm ein paar Münzen in die Hand drücken. Münzen, die ansonsten für eine Packung Kekse oder eine Cola draufgehen werden.“

Als der Junge aus dem Wagon steigt entspanne ich mich wieder. Er verschwindet, zusammen mit meinen Schuldgefühlen und meinem schlechten Gewissen. So lange, bis ich aus dem Zug aussteigen werde, denn dort erwarten mich schon die nächsten Kinder.

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Szene 3

Amritsar – Haridwar / Sleeper Class / 10h Fahrt

Es geschieht schon wieder, ich spüre es bevor es passiert. Der Kontrolleur sucht unsere Namen auf seiner Liste, wackelt bejahend mit dem Kopf, wie es in Indien gewöhnlich ist und gibt Chris unser Ticket zurück. „Thank you. Have a nice ride, Sir.“. Er packt seine Liste weg und verschwindet. Sir. Dieses eine Wort zuviel. Dieses eine Wort, was mich innerlich zum Kochen bringt. Bin ich so unsichtbar? Empfindet er es als so unnötig auch mir eine gute Fahrt zu wünschen? Weil ich eine Frau bin? Ich ärgere mich, Chris scheint es gar nicht zu merken.

„Während ich Feminismus in Deutschland absolut lächerlich finde, bekomme ich hier leise Anzeichen einer Feministin.“

Es geschieht jedes Mal. Beim Einkaufen. Beim Bezahlen im Guest House. Beim Ticketschalter. Im Restaurant. Egal wo. Ich kann meinen Geldbeutel noch so offensichtlich in den Händen halten nachdem ich dem Verkäufer das Geld gegeben habe, jedes Mal bin nicht ich diejenige, die das Rückgeld bekommt. Ich stehe immer nur daneben. Höre immer nur wortlos zu. Es scheint, dass niemand auch mich begrüßen möchte, mich nach etwas fragen möchte, mir wertvolle Geldscheine oder Tickets anvertrauen möchte. Es scheint, dass ich dies als Frau nicht wert bin. Immer nur Sir Sir Sir.

Während ich Feminismus in Deutschland absolut lächerlich finde, bekomme ich hier leise Anzeichen einer Feministin. Ich nehme dem Kellner das Geld aus der Hand bevor er es Chris entgegenstrecken kann. Ich schaue Jeden mit einem bitterbösen Blick an, der es nicht für nötig hält sich von mir zu verabschieden und nur Chris einen schönen Tag und Co. zu wünschen. Ich beantworte patzig formelle Fragen, die offensichtlich direkt an Chris gestellt werden. Ich verstehe ja, dass man das hier anders sieht: Die Frau ist der Besitz des Mannes und kein anderer Mann darf (oder eher: sollte) sich ihr in irgendeiner Weise nähern. Allerdings verstehe ich nicht, warum es einerseits so viele ältere, grobe, lautstarke und selbstbewusste Frauen und andererseits so im Hintergrund versteckte, leise Inderinnen auf der Straße gibt. Außerdem – wenn die Männer westliche Frauen so offen und schamlos anstarren können wie sie es hier alle tun, auf der Straße, im Zug, an den Ghats; dann sollen sie uns gefälligst, ebenso gegen die indischen Verhaltensregeln, gleichberechtigt behandeln!

Ich löse gerade wieder meine verärgerten Stirnfalten, als ein Paar mitte 20 vor unserem Abteil stehen bleibt. Sie verstauen ihre Taschen auf der Ablage und der Mann spricht einige Worte auf Hindi mit dem Inder, der ganz außen sitzt. Daraufhin rutscht der Inder beiseite und der junge Mann weist seiner Frau den Platz zu. Das kann doch nicht wahr sein! Haben Frauen hier nicht einmal das Recht selbst nach einem Platz zu fragen? Oder haben sie dies verlernt?

Szene 4

Agra – Jaipur / General Class /6h Fahrt

Diesmal sitzen wir in der General Class, denn es gab kein Plätze mehr zu reservieren. Für alle, die noch nicht in Indien Zug gefahren sind: Die General Class ist die „niedrigste“ Klasse in indischen Zügen. Mit Holzbänken ausgestattet, ohne feste Sitzplätze. Hier drängt sich jeder rein, der entweder nicht genug Geld oder einfach keinen Platz mehr bekommen hat. Zu Beginn der Fahrt war es gar nicht so voll gewesen, für indische Verhältnisse, was ungefähr der deutschen Definition für relativ voll entspricht. Ich fand sogar noch ein Plätzchen zum Sitzen und konnte meine Beine halbwegs ausstrecken. Inzwischen sitzen wir schon zu siebt auf einer Sitzbank, auf der sich zu Hause niemals mehr als 3 Personen setzen würden. Zu Hause, wo man ja lieber steht, als sich auf einen 2er-Platz neben eine fremde Person zu setzen. Nicht so in Indien. Hier passt immer noch mal eine Person mehr auf die Bank und wenn sie dann endlich für voll erklärt wird, passt doch noch irgendwie ein Kind dazwischen. Aber ich möchte mich nicht beschweren. Zwar haben wir 37 Grad im Schatten und der Schweiß rinnt mir von der Stirn, doch was sollte ich tun. Mir bleibt nichts anderes übrig als zu warten. So wie alle hier. Komischerweise scheint mir dies schwerer zu fallen als den Einheimischen: Sie plaudern freudig und laut, die Kinder klettern herum und zwei Inderinnen mit ausgeprägten Bäuchen packen gemütlich ihr Chapati und Curry aus. Niemanden scheint sich an der Hitze zu stören. An den schwitzenden Körpern, die sich links und rechts an einen drücken. An dem Geruch nach Schweiß und Mensch. Ich habe inzwischen das Gefühl Inder scheint nichts zu stören, nichts aus der Ruhe zu bringen. Egal wie stressig, widerwärtig oder unbequem der Zustand auch ist, hier sieht man über all das hinweg und akzeptiert die Situation einfach. Mir scheint hier fügt man sich seinem Schicksal ohne Beschwerde.

„Ich habe das Gefühl verstanden zu haben. Eine Reise durch Indien ist eine Probe.“

Mir fällt es schwer. Sehnsüchtig blicke ich hinaus, wie schön doch ein frischer Luftzug wäre! Ich sehne mich nach den einladenden, blauen Sitzen der Deutschen Bahn, nach der peinlichen Stille in den ICEs und deren großen Fenstern. Ich habe das Gefühl verstanden zu haben. Eine Reise durch Indien ist eine Probe. Eine Probe der Geduld. Eine Probe des Ertragens, des Akzeptierens. Heute, denke ich, bestehe ich diese Probe nicht sonderlich gut. Diese Zugfahrt macht mich unzufrieden, unglücklich, genervt. Ich schaffe es einfach nicht die Situation so zu akzeptieren wie sie ist; stattdessen sehne ich mich nach etwas Anderem, Gewohnterem. Ich wünschte ich könnte Indien so akzeptieren, wie es ist. Leider kann ich es nicht. Zumindest noch nicht.

Szene 5

Delhi – Mathura / Sleeper Class / 4h Fahrt

Die Familie rutscht zusammen und macht uns Platz zum Sitzen. Ich verneine höflich, immerhin haben sie die Plätze reserviert, ich habe nichts gegen Stehen. Sie bitten mich nochmals darum Platz zu nehmen, also überlege ich es mir anders und setze mich hin. Nur wenige Minuten zuvor sind wir ganz panisch in die Sleeper Class gehüpft, da wir nur ein Ticket für die General Class hatten, aus dieser aber die Fahrgäste förmlich herausquollen. Es war unsere erste Zugfahrt in Indien und wir hatten keine Ahnung was wir tun sollten. Also standen wir hilflos im Türbereich herum, der Boden war nass, wir behielten unsere Rucksäcke auf. Schon sprach uns ein junger Inder an. Wir schilderten ihm das Problem, er lachte und meinte wir sollen uns ruhig auf seinen Platz setzen, wenn ein Kontrolleur vorbeikommen würde müssten wir zwar eine kleine Strafe zahlen aber sie wäre nicht hoch und so hätten wir einen Platz zum Sitzen. Plötzlich stand der Schaffner neben uns. Würde er uns hinauswerfen? Würden wir Strafe zahlen müssen? Stattdessen wies er uns an ihm zu folgen. Er machte an einem schon besetzten Abteil halt und sprach mit der dort sitzenden Familie auf Hindi. Gleich darauf rückten sie zusammen und er verabschiedete sich lächelnd von uns.

„Die obligatorische Frage, ob Chris und ich verheiratet seien, fällt mal wieder recht schnell.“

Ich fühle mich unwohl. Ich merke wie interessierte Blicke auf uns ruhen, ich komme mir fehl am Platz vor. Chris ist in ein Gespräch verwickelt worden – wie so oft – ich schau mich um. Die arme Familie, die sich jetzt ihre Plätze mit uns teilen muss! In Deutschland wären nun böse Blicke und hartnäckiges Ignorieren angesagt. Ich betrachte die Frau am Fenster. Sie ist schon etwas älter und trägt einen knallbunten Sari, ihre Haare haben einen grauen Ansatz. „Banana?“ fragt sie, als sie meinen Blick bemerkt. Schon habe ich 2 Bananen in der Hand. Sie lächelt mir zu. Als ich nach einem Mülleimer für die Bananenschalen suche, nimmt sie sie mir aus der Hand und wirft sie grinsend aus dem Fenster, zusammen mit einer Plastikflasche. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist Lehrerin in Mumbai, sie und ihre Kinder sind nun auf dem Rückweg von Kashmir. Eine 2-Tages-Fahrt. Ich werde lockerer, erzähle ein wenig. Die obligatorische Frage, ob Chris und ich verheiratet seien, fällt mal wieder recht schnell. Sie fragt und fragt, findet es ganz toll, dass so junge Menschen reisen. Ob wir Hindi sprächen? Ich verneine lachend. Der Junge, mit dem Chris sich unterhält, ist einer ihrer Söhne. Es überrascht mich, dass es niemanden zu stören scheint, dass wir uns dazugesetzt haben. Die ausgiebige Gastfreundschaft überrascht mich noch mehr!

Der Chai-Verkäufer kommt vorbei. Bevor ich protestieren kann bekomme ich von dem Sohn einen Chai in die Hand gedrückt. Als wir aussteigen schenkt er uns noch eine indische SIM-Karte und will uns gar nicht mehr gehen lassen. Wir geben ihm eine Kekspackung als Dankeschön, er winkt uns nach bis wir in der Bahnhofshalle verschwunden sind.

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Szene 6

Varanasi – Agra / Sleeper Class / 12 h Nachtfahrt

Erleichtert verstaue ich meinen viel zu schweren Rucksack auf meinem Bett. Wagen S10, Platz 35. Ein „Upper bed“ – zum Glück! Mir rinnt der Schweiß von der Stirn, die klapprigen Ventilatoren an der Zugdecke kühlen nicht wirklich.

In letzter Sekunde bin ich auf den anfahrenden Zug aufgesprungen ohne darüber nachzudenken, was passiert wäre, wäre ich danebengetreten. Völlig außer Atem aber heilfroh schlängel ich mich durch 10 Wagons voller starrender Augenpaare. An das Starren habe ich mich inzwischen gewöhnt, nur, dass mein Rucksack zu groß für die engen Gänge ist, stört mich. S10 ist noch relativ leer. Noch. Nur ein dicklicher Inder liegt auf der Sitzbank gegenüber und döst. Der Zug ist inzwischen schon aus der Stadt heraus gefahren. Die heruntergekommenen Betonklötze und Müllhalden sind grünen Feldern und vereinzelten Häusern gewichen.

„Es gibt sie eben doch – diese ruhigen Momente, die man nur für sich hat.“

12h Zugfahrt stehen mir nun bevor. Die Sonne steht schon tief. Nach ein paar Seiten von Dan Browns „The Lost Symbol“ klappe ich das Buch zu und genieße den Moment. Kein Gehupe, kein Gedränge, Keiner, der mit mir reden oder mir etwas verkaufen möchte. Keine Kühe, die im Weg herumstehen, keine gaffenden Blicke, die an mir haften. Der Wagon kommt mir vor wie eine kleine Oase. Irgendwo spielt jemand einen indischen Popsong auf dem Handy. Ein hagerer Inder in weißem Hemd bahnt sich seinen Weg durch den Zug und verkauft Chai. Ich drücke ihm 7 Rupies in die Hand und schlürfe dankbar meinen Tee. Die Landschaft gleitet vorüber, in gleißend rotes Licht getaucht. Indisches Hinterland. Zufrieden vertiefe ich mich wieder in mein Buch. Es gibt sie eben doch – diese ruhigen Momente, die man nur für sich hat.

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1 Kommentar

  • Reply Nicola 2. Juni 2015 at 19:54

    Ich glaube nicht, dass ganze Gesellschaften auf Grundlage des Verhaltens einzelner Mitglieder bewertet werden können. Warum begehrt niemand auf gegen den Schmutz und die mangelnde Hygiene? Die Antwort könnte lauten: Weil sie arm sind. Weil sie existenzielle Not leiden. Weil sie ihre begrenzten Ressourcen anders nutzen. Weil sie es gewöhnt sind. Weil sie eben keine Kanalisation haben und sie nicht ohne staatliche Hilfe bauen können. Würden denn Menschen in westlichen Ländern in Eigenverantwortung eine ganze Infrastruktur aufbauen? Wahrscheinlich nicht.
    Warum begehrt in Deutschland niemand auf gegen die schlechten hygienischen Bedingungen in Altenheimen? Warum lassen wir alte Menschen in ihrem eigenen Urin versauern, obwohl wir – im Gegensatz zu vielen Leuten in Indien – über Sanitäranlagen und funktionierende Kanalisation verfügen? Diese Frage ist vielleicht nicht ganz so einfach zu beantworten. Aber wahrscheinlich ist ein Grund dafür einfach Desinteresse. Solange wir nicht alt sind, betrifft uns der Zustand in Altenheimen nicht. Und sobald wir alt sind, haben wir keine Kraft mehr zum Aufstand. Außerdem sind Rechtfertigungen á la „Was-können-wir-schon-ändern“ schnell bei der Hand. Jeder stützt sich hin und wieder auf dieses Argument, auch wenn es natürlich Einmischung jeglicher Art ad absurdum führt. Trotzdem: Was können wir schon ändern? Der Aufwand, den es bedeuten würde, für bessere Bedingungen zu kämpfen, wäre ungleich größer als die Intensität des Unrechtsbewusstseins, das beim Gedanken an die Zustände in Pflegeheimen aufkommt. Meint ihr nicht, dass sich viele Inder genau das fragen: Was können wir schon ändern? Wir arbeiten hart und haben trotzdem zu wenig Geld, und es gibt Kinder großzuziehen und Alte zu pflegen und Essen zu beschaffen. Und ja, die hygienischen Bedingungen sind vielleicht besch*****. Aber was, bitte, soll ich kleiner Mensch da schon machen?
    Ich finde, dass der indische Fatalismus, was schlechte sanitäre Grundbedingungen angeht, sehr viel besser gerechtfertigt ist als westliche Ignoranz den Missständen gegenüber, die im Verhältnis dazu leicht zu beheben wären.
    Und ich bin mir sehr sicher, dass die Menschen in Indien nicht gerne auf die Straße machen. Jeder würde lieber eine Toilette benutzen; und jeder würde lieber in einem Haus als auf einer Müllhalde leben; aber man kann es Menschen nicht zum Vorwurf machen, wenn sie auf einer Müllhalde geboren wurden. Oder sich nicht darüber empören, jemanden auf die Straße machen zu sehen. Jeder von uns würde sein „animalisches Verhalten“ genau so ausleben müssen, wenn er keine Toilette hätte. Das hat wenig mit Schamlosigkeit zu tun, eher mit Not.

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