Indien

Ein freundlicher Sikh und der Goldene Tempel

28. Mai 2015

Es ist Gebetszeit am Goldenen Tempel in Amritsar, die heiligste Stätte der Sikhs. Die gläubigen Pilger sitzen am Ufer des Sees, lauschen den Gebeten, welche durch die vielen Lautsprecher dröhnen. Der Gesang erinnert an den eines Muezzins, es ist angenehm, dem Gebet zuzuhören.
Die Atmosphäre ist magisch. Es ist zur Zeit der Dämmerung, der Goldene Tempel wird von Scheinwerfern angestrahlt und sieht dadurch noch schöner aus. Die lange Schlange der Pilger, welche in den Tempel wollen, bewegt sich keinen Meter. Alle besinnen sich auf das Gebet. Nach einiger Zeit ist es vorbei, die Menschen setzen ihren Rundgang fort.

Ein älterer Mann kommt auf uns zu und setzt sich direkt neben uns. Er lächelt uns an und begrüßt uns. Woher wir kommen, will er wissen. Und natürlich, ob uns der Goldene Tempel gefällt.

„Für manche bin ich ein Freund, für andere ein Bruder oder ein Vater. Jeder, der mich kennt kann selbst entscheiden, was ich für ihn bin.“

Er wirkt ausgeglichen, entspannt. Immer wieder klingelt sein Telefon, doch auch das bringt ihn nicht aus der Ruhe. Sein Name ist Channi und er arbeitet freiwillig hier. Seine Wohnung ist unweit vom Tempel entfernt, damit er immer schnell vorbei kommen kann.
Gerne klärt er Touristen über seine Religion auf. Man kann ihn alles fragen – und er würde alles beantworten.

Wäre das Gebet nicht gewesen, würde ich den Sikhismus nicht als Religion ansehen, sondern als große, ethische Gemeinschaft. Das Konzept klingt nach der vernünfstigsten Religion der Welt: alles kann, nichts muss. Es gibt Richtlinien, doch es ist jedem selbst überlassen, in wie weit er sie vertritt. Denn anders als viele andere Religionen geht es den Sikhs nicht darum, ihr Leben komplett den Lehren ihrer heiligen Schrift anzupassen, sondern das Beste der Lehren auf ihr Leben anzuwenden.
Sie setzen sich für arme und schwache Menschen ein, gleichberechtigen die Frau, kennen kein Kastensystem. Es ist keine Sünde viel Geld zu verdienen und auszugeben, solange man eine ehrliche Arbeit verfolgt und für die Gemeinschaft da ist.

Vielleicht weil die Religion so intelligent und liberal wirkt, wirken die Anhänger ebenso. Sie sind gepflegt, offen und meist wohlhabend, so jedenfalls der Eindruck.
Ihre Merkmale sind ihr Turban, welchen sie immer in der Öffentlichkeit tragen und nach ein paar Tagen wechseln. Er symbolisiert den Respekt vor Gott. Zudem tragen sie einen Armreif, welcher sie daran erinnern soll, nichts zu stehlen. Ein Dolch soll symbolisch dafür stehen, dass sie sich für arme und schwache Menschen einsetzen. Eine Kniehose erinnert sie außerdem daran, sich sexuell zu mäßigen und nicht fremdzugehen.
Alles am Menschen ist ein Geschenk von Gott, deshalb schneiden sich die Sikhs weder die Haare, noch rasieren sie sich. Doch da es jeder für sich entscheiden darf, so meint Channi, halten sich viele auch nicht ganz daran, zum Beispiel so manch eine Frau.

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Gläubige Sikhs haben eine große Ehrfurcht vor ihrem Gott, der kein Geschlecht besitzt. Dennoch hat man beim Besuch des Tempels nicht primär den Gedanken, sich an einem gläubigen Ort zu befinden, wie zum Beispiel das Gefühl, wenn man eine Kirche oder einen Tempel besucht.

„Du kannst hier solange bleiben wie du willst – ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr. Keiner wird dir das verbieten, es ist allein deine Entscheidung“

Es ist vielmehr eine großes, gemeinschaftliches Zentrum. Der Tempel bietet den Pilgern an, umsonst hier zu wohnen. Dafür gibt es mehrere Unterkünfte, die den Gläubigen zur Verfügung stehen. Eine riesen Kantine versorgt rund um die Uhr die ganzen Menschen. Die Mahlzeiten sind kostenlos. Immer wieder füllt sich die Halle mit einem Schub Pilger, welche dann gemeinsam in einem großen Raum essen. Danach kümmert sich ein Team Freiwilliger um das Abspülen, genauso um das Kochen. Denn jeder Sikh sollte in seinem Leben mindestens eine Woche im goldenen Tempel gearbeitet haben. Viele freiwillige Menschen sorgen für Nachschub: Sie schneiden Gemüse, kochen Chai und Curry oder rollen Teig für Chapatis, um Tausende Pilger jeden Tag zu versorgen.
24 Stunden hat der Tempel geöffnet, jeden Tag. Zu jeder Tageszeit sind alle Menschen willkommen, auch diese, die sich nicht mit der Religion identifizieren möchten. Die einzige Vorschrift ist das Tragen eines Kopftuchs für Männer und Frauen.

Das alles wird durch Spenden der Pilger finanziert. „Du kannst hier solange bleiben wie du willst – ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr. Keiner wird dir das verbieten, es ist allein deine Entscheidung“ meinte Channi zu uns.
Die Freundlichkeit der Menschen beeindruckte uns über die ganze Zeit des Besuchs. Es ist nicht nur ein Ort des Betens, sondern viel mehr ein Ort, um zusammen zu kommen, zu plaudern und zu essen. Kaum betritt man das eigentliche Areal, hört man die gesungenen Zitate aus der Guru Granth Sahib, der heiligen Schrift der Sikhs. Über die ganze Zeit singen verschiedene Gruppen von Männern diese entspannten, meditativen Verse. Die Atmosphäre ist einzigartig.

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Inzwischen ist es dunkel geworden, doch immer noch sind hunderte Menschen auf dem Gelände. Channi erzählt uns, dass es sogar einen kostenlosen Bus zum Bahnhof gibt, den jeder benutzen darf.
Wenn wir nicht schon heute gehen würden, könnten wir bei ihm wohnen. Er zückt sein Handy und zeigt uns seine Kontakte aus Deutschland – die Liste scheint endlos zu sein. Alles Menschen, mit denen er sich hier unterhalten hat. Manche von ihnen wohnten schon bei ihm. „Für manche bin ich ein Freund, für andere ein Bruder oder ein Vater. Jeder, der mich kennt kann selbst entscheiden, was ich für ihn bin.“

Er gibt uns einen Zettel, mit seiner Adresse, seiner Telefonnummer und seinem Namen. Den können wir aufbewahren, wenn wir wollen. Und wenn ein Freund von uns nach Amritsar kommt, so sagt er, darf er jederzeit bei ihm wohnen. Denn das wichtigste für ihn ist die Freundschaft.

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2 Kommentare

  • Reply Joy 19. Mai 2016 at 11:26

    Hallo 🙂 mein Freund und ich fliegen im Oktober nach Indien, wir gehen auf Reise für ein Jahr. Ich bin echt begeistert von eurem Blog, hab alles mehrfach durchgelesen. Ich denke eines unserer Ziele wird der Goldenen Tempel in Amritsar sein 🙂 Vielen Dank für die Inspiration.

    Liebe Grüße
    Joy (aus Altdorf )

    😉

    • Reply Christoph 19. Mai 2016 at 22:07

      Hey Joy! 🙂
      Das freut mich, den goldenen Tempel solltet ihr auf jeden Fall besuchen! Und falls du Fragen hast kannst dich gerne melden 😉

      Gruß
      Chris

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