Couchsurfing

Couchsurfing? Couchsurfing!

8. November 2014
Ich weiß noch genau wie begeistert ich war, als ich das erste Mal von der Webseite Couchsurfing.org gehört habe. Bei fremden Menschen für einige Nächte kostenlos wohnen? Neue Bekanntschaften schließen und sich über die Kulturen austauschen? Und das für umsonst? Wenige Tage nach meinem 18. Geburtstag erstellte ich auch mir endlich ein Profil: Während meiner bevorstehenden Costa-Rica-Reise wollte ich mich selbst einmal in die Welt des Couchsurfens begeben.


Es regnete in Strömen als ich auf einem Marktplatz in San José, der Hauptstadt Costa Ricas, auf Marilyn wartete. Marilyn hatte ich 3 Wochen vor meiner Abreise kontaktiert und sie war bereit mich für 3 Nächte aufzunehmen. Ich wusste absolut nicht was mich erwarten würde und als absolute Anfängerin in Sachen Couchsurfing stellte ich mir unendlich viele Fragen: Ist Couchsurfing wirklich sicher? Auch für ein 18-jähriges Mädchen? Was mache ich, falls Marilyn nicht auftauchen sollte? Woran erkenne ich sie, so genau kann ich mich nicht mehr an das Foto erinnern!? Wird sie mir einfach ein Bett zur Verfügung stellen und mich machen lassen, so als Gratis-Unterkunft? Oder wird sie sich um mich kümmern wie es meine Gastfamilie in Japan damals gemacht hatte? Bekomme ich Verpflegung oder bekoche ich mich selbst? Sollte ich ein kleines Geschenk mitbringen?
So viele Fragen! Doch wie so oft habe ich mir viel zu viele Gedanken gemacht, denn meine erste Couchsurfing-Erfahrung stellte sich als unvergesslich heraus.


Marilyn, eine gebürtige „Tica“ mitte 20, wohnte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester und deren beiden Söhne in einem winzigen, turkis bemalten Häuschen am Rande der Stadt. Sie ist das einzige Familienmitglied mit Englischkenntnissen. Ziemlich schnell stellte Marilyn sich als eine redselige, offene und unglaublich lebensfrohe Person heraus, bei der ich mich schon nach wenigen Minuten wohl fühlte. Ihre Familie begrüßte mich herzlich und ich versuchte mein gebrochenes Spanisch zum Einsatz zu bringen. Zufälligerweise beherbergte Marilyns Familie zu dem Zeitpunkt noch eine weitere Couchsurferin – Tammy aus Australien- mit welcher ich mir ein Zimmer teilte. Obwohl das Haus winzig klein war, zog Marilyns Familie für die Zeit unseres Aufenthalts in ein Zimmer zusammen und überließ uns das zweite. Unfassbar!
Nachdem ich mein Gepäck abgelegt hatte und dankend leckere Sandwiches annahm gings in einen Pub. Ein wichtiges Fussballspiel war nämlich angesagt und Marilyn wollte uns beiden das Nachtleben San Josés zeigen.
Für die folgenden zwei Nächte fuhr sie mit uns nach Jacó, einem kleinen Dorf an der Küste. Überraschenderweise übernahm sie unsere Fahrtkosten, worauf wir sie abends auf einen Burger einluden. Wir schliefen in einem netten Hostel und da Marilyn den Besitzer kannte bekamen wir ein Dreier-Zimmer für ziemlich wenig Geld. Die beiden Tage verbrachten wir tagsüber am Strand und nach SOnnenuntergang in diversen Clubs und Bars. Wir lernten in der kurzen Zeit so viele verschiedene Menschen kennen und vor allem – uns gegenseitig. Ich war traurig mich schon nach so kurzer Zeit von Marilyn verabschieden zu müssen. Wir hatten in den wenigen Tagen so viele interessante Gespräche über das Reisen, unsere Leben, unsere Kulturen, unsere Erfahrungen, Religion und politische Einstellungen geführt!Und wir verstanden uns super und hatten eine tolle Zeit miteinander. Genau das ist es, was Couchsurfing ausmacht.Und wenn ich so an Costa Rica zurückdenke, sind diese wenigen Tage eine der ersten, die mir ins Gedächtnis springen.

Wenn in mit Freunden und Bekannten über Couchsurfing rede, bekomme ich in der Regel zwei Reaktionen: 1. „Ist das denn wirklich sicher, wenn du ganz allein zu einem fremden Menschen nach Hause gehst als Mädchen?“ 2. „Also die Idee ist ja schon cool, aber für mich ist Couchsurfing dann doch eher wie Online-Dating, viel zu gewählt und inszeniert! Und alles nur um sich die Kosten für ein Hostel zu sparen?“.
Ich verstehe meine Freunde voll und ganz, dennoch würden Sie Ihre Bedenken ganz schnell verwerfen, würden sie auch nur einen einzigen Versuch wagen.
Auch ich habe Geschichten von dubiosen Männern, die Frauen zu sich einladen und dann aber ganz überraschenderweise nur ein einziges Bett in ihrer Wohnung haben, gehört. Als Mädchen suche ich mir die Hosts sorgfältig aus und kontaktiere nur Personen mit positiven Bewertungen, vollständig ausgefüllten Profilen und fast ausschließlich Frauen, Familien oder Mitbewohner einer WG. Allerdings muss ich sagen, dass auch ich schon bei alleinstehenden, männlichen Studenten couchsurfen war und genauso positive Erfahrungen gemacht habe wie anderswo. Wenn man sich ein wenig Mühe gibt die Profile genau zu lesen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzt und für den Notfall eine Drittperson wissen lässt bei wem genau man couchsurft sollte nichts passieren!

Meine Couchsurfing-Odyssee hatte also ihren Anfang gefunden. Auch wenige Monate später in Australien couchsurfte ich mich durch so einige Wohnungen und Häuser. Da war das ältere Ehepaar, die alle Details über meine bisherigen Reisen nach Afrika wissen wollten und die auf ihren täglichen 5-o-clock-tea bestanden. Da war Rosanna, die selbst fast immer unterwegs ist und deren Vater mich in seinem Geschäft einstellte, da ich auf der Suche nach Arbeit war. Und Yuji, der Japaner, der mir seine Hausschlüssel unter die Fußmatte legte und in dessen kleiner Wohnung zeitgleich noch drei andere Couchsurfer nächtigten. Nicht zu vergessen: Mikey, der Chris und mich aufnahm, der uns zum Future Music Festival mitnahm und bei dem ich über 8 Monate verteilt knappe 3 Wochen wohnen durfte. Mikey erklärte mir später, dass er und seine Familie uns inzwischen als Freunde ansieht und wir jederzeit willkommen seien.

Wie man sieht habe ich bisher ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Von der tatsächlichen Couch über eine Gymnastikmatte auf dem Boden bis hin zum eigenen Häuschen im Garten wurden mir Schlafplätze jeglicher Art gegeben und alle Hosts haben meine Privatsphäre zu jeder Zeit respektiert. Rund-um-Verpflegung war ausnahmslos inklusive und immer wurde mir die Umgebung gezeigt oder ich wurde zu Konzerten, Events oder Partys mitgenommen. Da der ganze Spaß mich nichts kostet und sich nach einem liebevoll hergerichteten Frühstück, einer bezahlten Taxifahrt oder einem übernommenen Eintritt in das ein oder andere Museum ziemlich schnell mein schlechtes Gewissen meldet, habe ich es immer so gehalten, dass ich einen Cocktail ausgegeben, eine Kleinigkeit gekauft und einen netten Abschiedsbrief verfasst habe.

Hin und wieder ist Couchsurfen allerdings auch anstrengend. Als Couchsurfer hat man konstant das Gefühl sich mit dem Host beschäftigen und sich seinem Alltags-rythmus anpassen zu müssen, schließlich ist es doch etwas unangebracht sich in sein Zimmer wegzuschließen auch wenn man gerade mal alleine sein möchte. Bei etwas längeren Aufenthalten stellt man in wenigen Fällen fest, dass man sich nicht bedingungslos mit seinem Host versteht und die Gespräche können einen erzwungenen Eindruck machen. Zudem bekommt man fast alles umsonst und ab einem gewissen Punkt bekommt man dann doch ein schlechtes Gewissen. Schließlich weiß jeder Couchsurfer ganz tief im Hinterkopf, dass er Couchsurfing unter anderem nutzt um Geld zu sparen… Trotzdem: Diese Kleinigkeiten spielen meist keine Rolle, da Couchsurfing so viele wunderschöne Aspekt mit sich bringt!


Für mich steht fest: Keine Reise mehr ohne Couchsurfen! Diese simple Idee bringt so viele liebevolle, interessante und lustige Menschen zusammen. Man lernt Menschen kennen, mit welchen man zu Hause nie in Kontakt gekommen wäre. Man hört ergreifende Lebensgeschichten von jeder Sorte und lässt jeglichen Vorhang fallen. Man probiert Neues aus und knüpft Freundschaften auf der ganzen Welt. Man schafft intensive Erinnerungen. Und vor allem lernt man Länder und Kulturen so kennen, wie sie wirklich sind.
Sobald ich eine eigene, feste Wohnung habe, werde ich anderen Couchsurfern meine Couch zur Verfügung stellen und all das zurückgeben, was mir durch Couchsurfen gegeben wurde, das steht fest!!


Wo sonst lässt sich heutzutage noch etwas so Kultur-, Religions-, Milieu- und Altersübergreifendes finden?

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